12/02/2026

Kennt mich überhaupt irgendjemand?

Dieser Artikel bewegt eine Frage, die aus einem vorangegangenen Artikel entstanden ist. Es ist nicht nötig, ihn vorher gelesen zu haben, aber falls du Interesse hast – hier:

In meinem Artikel “Wer bin ich (ohne Maskierung)?” versprach ich, gesondert auf die Frage “Kennt mich überhaupt irgendjemand?” einzugehen, und diese Zeit ist jetzt gekommen.

Kurz nach dem Jahreswechsel fand ich in einem alten Notizheft Listen, die ich in meiner Jugend geschrieben hatte. Dort waren Charaktereigenschaften aufgeführt, mit denen ich mich zu der damaligen Zeit identifizierte, aber auch jene, die ich noch erlernen wollte. Auf diesen Seiten stand meine Identität, so wie ich war und wie ich plante zu sein.

Und das sind nicht die einzigen und letzten Listen geblieben, denn erst vor ein paar Monaten erwischte ich mich bei einer neuen. Sie entstand nach einem intensiven Gespräch mit einer Freundin über die Unterschiede unserer Persönlichkeiten. Als wir darüber sprachen, war es, als würde mir mein Gegenüber dabei helfen, mich selbst zu definieren. Es schien egal zu sein, ob es meiner wahren Identität entsprach oder nur ihrem Bild davon. 

Ich fühlte mich immer sicher, wenn ich diese Dinge aufschrieb. Das ist doch verrückt, denn wenn ich einfach wäre, wer und wie ich wirklich bin, dann müsste ich es doch gar nicht aufschreiben. Ganz so, als bräuchte ich diese Notizen, um mir immer sicher zu sein, dass ich mal eben meine wichtigsten Eigenschaften nachschlagen könnte, für den Fall, dass ich mal nicht mehr weiß, wer ich bin, gerne wäre oder vorgebe zu sein. 

Wenn man dann noch davon ausgeht, dass ich diese Maske jedem präsentiere, weil ich schon lange verlernt habe, wie es ohne ist, dann würde das bedeuten, dass natürlich auch kein anderer weiß, was sich dahinter verbirgt. Also wäre die einzig logische Antwort auf die obige Frage: NEIN, niemand kennt mich!

Ich kenne mich ja selbst kaum. Auch wenn ich mich aktuell auf einem interessanten Weg zu mir selbst befinde, war meine Ausgangssituation die absolute Unkenntnis meiner eigenen Person und Identität. Wo war diese aber hin? Sie kann doch nicht einfach weg gewesen sein. Vermutlich war sie immer da und hat sich auch zeitweise gezeigt, wenn ich nicht stark genug war, um meine Deckung zu wahren. Aber dann habe ich sie nicht als die Wahre gesehen, sondern als Schwäche.

Ich habe niemandem gezeigt, wer ich bin, denn ich wusste doch überhaupt nicht wie. Ich dachte vermutlich, dass ich den Menschen permanent offen und herzlich, wie ich bin, meine Persönlichkeit auf einem Silbertablett serviere. Aber jetzt frage ich mich: “Bin ich denn überhaupt offen und herzlich? Wie kann ich sicher sein, dass es nicht nur eine erlernte Eigenschaft ist, weil sie gesellschaftlich zuverlässig funktioniert?”

Ich meine, dass ich schon des Öfteren gesagt habe, ich sei ein offenes Buch, und mir dies auch bestätigt wurde. Außerdem erinnere ich mich an zahlreiche Gespräche, in denen ich sachte und mal mehr, mal weniger gekonnt verdeckt um Bestätigung meiner antrainierten Persönlichkeitsmerkmale bat. Ich musste eben immer wieder mal antesten, ob ich meine Rolle überzeugend spielte.

UNBEWUSST, das ist vielleicht an der Stelle noch einmal wichtig zu erwähnen. Damals war mir das alles nicht bewusst. Wenn ich es jetzt im Nachhinein mit meinem neuen Wissen analysiere, dann erkenne ich die Hintergründe, aber noch vor kurzer Zeit lief das alles unbewusst ab.  

Ich war immer wieder enttäuscht, dass mich keiner so wirklich zu kennen schien. Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, woran es liegen könnte. Ob sich die Menschen einfach nur nicht für mich interessierten oder ob ich mich ihnen einfach nicht offenbarte. Aber ich war doch ein “offenes Buch” und eine Plapper-Tasche dazu, also konnte es doch gar nicht so schwierig sein, mich zu lesen und zu erkennen. Ich fühlte mich selten verstanden, egal wie viele Fakten ich auf den Tisch legte. Ich hatte beinahe nie das Gefühl, dass mich meine Umwelt einschätzen konnte, geschweige denn mir ansah, was ich wirklich benötigte.

Ich muss meine Rolle hervorragend gespielt haben. Wie es scheint, hat es keiner geahnt, keiner hat hindurchgeschaut und MICH erkennen können!

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, kannst du direkt mit dem thematisch anschließenden weitermachen. Viel Spaß!

Ähnliche Artikel

21/05/2026 | Die Fragen im Raum

Ich werds jetzt einfach machen!

Kennst du das: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“? Ich glaube, das hat jeder schon mal gehört. Das ist doch eigentlich eine schöne Lebensphilosophie. Lebe halt im Jetzt, lebe jetzt und hier, in genau diesem Augenblick. Was ist es, was du dir in diesem Augenblick wünschst, was macht dich gerade so richtig glücklich? …weiterlesen

mehr lesen
Ich werds jetzt einfach machen!

Neurodivergenz

Freundlich – oder nur gut trainiert?

Ich wurde neulich gefragt, ob meine Freundlichkeit echt sei, oder ob ich anderen Menschen nur etwas vormache. Mir wurde unterstellt, dass sie antrainiert sein könnte, weil ich sie in Erzählungen mehrmals betont hatte, im Sinne von: “..weil ich halt nett bin” oder

[...]
Freundlich – oder nur gut trainiert?

Die Fragen im Raum, Erkenntnisse

„Wieso fragst du?“

Ich bin so glücklich über diesen Titel, denn er enthält direkt zwei Botschaften: Zum einen meine gehäuften Überlegungen, warum Menschen so dämliche Fragen stellen, und zum anderen genau diesen Wortlaut, der sich vermehrt in meinen Chats mit Freunden finden lässt, wobei ich natürlich nur selten der Part bin, der das fragt.

[...]
„Wieso fragst du?“

Die Fragen im Raum

Ich will immer das, was ich jetzt nicht habe!

Wir kennen doch alle dieses Phänomen: Ich will immer genau das, was ich gerade nicht habe oder haben kann. Vielleicht ist es auch gar nicht so geläufig, aber mir jedenfalls ist es sehr vertraut. Erst gestern lag ich im Halbschlaf, halb grübelnd, halb träumend, in meinem Bett und wünschte mir den Sommer herbei. Ich nahm […]

Ich will immer das, was ich jetzt nicht habe!