Jeder kennt es. Man ist ohnehin schon gestresst oder genervt, und dann kommt da eine Nachricht bei WhatsApp rein, die uns aus irgendeinem Grund triggert, und wir fangen an zu interpretieren, misszuverstehen und suchen unterbewusst Streit.
Wie ich das hasse! Meistens fällt es mir nämlich zuerst nur bei anderen Menschen auf. Bei mir selbst erkenne ich es oft, wenn ich mich davon mitreißen lasse und die Emotionen meine Wortwahl zu bestimmen beginnen. Es ist falsch, und die richtige Entscheidung wäre, die Situation und die Emotionen abkühlen zu lassen, aber wir wissen vermutlich alle, wie schwer das sein kann. Ein Angriff muss verteidigt werden, so fühle ich mich oft verpflichtet, mich zu wehren.
Mit Sicherheit passiert es auch mir, dass ich entnervt Worte missinterpretiere oder unbewusst “Gedanken lese”, aber seit ich ein Bewusstsein dafür entwickle, schon deutlich seltener. Es macht Spaß, sich selbst und anderen dabei auf die Schliche zu kommen. So oft, hat die Interpretation von etwas Gesagtem überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Aber auch das vom Absender Ausgesprochene hat nichts mit der Realität zu tun.
Aber was ist dann Realität? Realität müsste eine Ansammlung an reinen Fakten sein, oder? Aber sobald wir in den Austausch gehen, prallen da zwei Welten aufeinander. Ich sage etwas in meiner Welt und es ergibt Sinn, und wenn es dann beim Empfänger ankommt, wird es in seine Welt übertragen und passt vielleicht überhaupt nicht da rein. Dann beginnt die Deutung und die automatisierte Umwandlung. Es muss ja passend gemacht werden. Und dann wird es zur Realität des Empfängers. Dass eine Information aus einer ganz anderen Realität stammt, vergessen wir dabei schnell.
Aber es gibt doch auch Konversationen, die komplett rundlaufen, in denen man vollkommen auf einer Wellenlänge ist und sich die Bälle gekonnt hin und her spielt. Ich stelle mir diese zwei Welten wie zwei Kreise vor, die mal mehr, mal weniger weit voneinander entfernt sind. In Fällen der Einigkeit überlappen sich diese Kreise und es entsteht ein gemeinsamer Raum. Dort findet die Übereinstimmung statt, die durch zahlreiche Faktoren entstehen kann. Ich denke, dazu gehören Gefühle, Ziele, Bedürfnisse, Lebenssituationen und auch Probleme. Stell dir vor, ihr habt das gleiche Problem, das kann auch verbinden. Es gibt nicht wenige Menschen, die sich stundenlang über ihre Probleme unterhalten und dabei uneingeschränkt auf einer Wellenlänge schweben.
Schöner finde ich allerdings die Idee, der Ziele, Werte und Bedürfnisse. Stell dir vor, du bist umgeben von Menschen, die ähnliche Ziele verfolgen wie du, und ihr schmiedet stundenlang Pläne und entwickelt Ideen. Wie erfüllend, wenn sich durch diese Überlappung gegenseitig die Werte bestätigen und Bedürfnisse erfüllt werden.
Doch wenn es etwas zwischen zwei Menschen steht, dann sind diese Kreise wortwörtlich von einer Barrikade getrennt. Da ist dann auch kaum Durchkommen. Das Traurige daran ist, dass die fehlende Überlappung der Welten und die daraus oftmals resultierende Fehldeutung, erst zu solch einer Barrikade führen können. Schlagartig entstehen mehr und mehr Missverständnisse und daraus mehr und mehr negative Emotionen. Emotionen, die jetzt an das Gegenüber gerichtet werden.
Und wie bringt man die zwei Welten jetzt liebevoll wieder zueinander? Sollte man sie drängen oder ist es in Ordnung, wenn sie sich gelegentlich weiter voneinander entfernen? Werden sie immer wieder zueinanderfinden? Liegt es in unserer Hand oder überlassen wir es dem Schicksal?
Ich glaube, es ist wichtig, dass beide Welten sich nach der Überschneidung sehnen. Tut dies nur eine, dann wird sie vermutlich schnell und immer wieder enttäuscht, weil sie wiederholt gegen aufgerichtete Barikaden stößt. Wenn beide Welten nichts mehr voneinander wissen wollen, dann werden sie sich weiter und weiter entfernen. Vielleicht werden sich auch andere Welten zwischen sie mogeln oder sogar drängen.
Ich habe allerdings auch schon selbst den Fall erlebt, dass der Wille zur erneuten Vereinigung zwar grundsätzlich auf Gegenseitigkeit beruhte, aber es trotzdem diesen passenden Zeitpunkt benötigte. Daher kommt meine Frage, ob es in der eigenen Hand liegt, wann dieser Augenblick geboten ist. Ergibt er sich oder bestimmen wir ihn selbst?
Vielleicht ist die Antwort ganz einfach und wenig philosophisch. Denn vielleicht ist es der berüchtigte erste Schritt, der alles verändern kann. Wenn der Wille da ist, dann wird einer diesen ersten Schritt machen, und dabei ist es ganz gleich, ob es aus einer rationalen Entscheidung oder einem schicksalhaften Gefühl entsteht.
Und deswegen glaube ich: JA, der Wille liegt in unserer Hand. Wir entscheiden, ob, wie sehr und mit welchen Welten wir uns überschneiden möchten. Doch wenn dieses Bestreben nicht existiert, dann bringt auch das eindringlichste Drängen nichts. Und NEIN, ich denke, der Zeitpunkt spielt dabei keine Rolle, denn vielleicht braucht es manchmal Zeit, zu erkennen, was wir wirklich wollen.
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