Hast du schon den thematisch vorangegangenen Artikel gelesen? Falls nicht, kannst du gerne mal reinschauen für den perfekten Anschluss ;))
Bin ich ein netter Mensch?
Ich wurde neulich gefragt, ob meine Freundlichkeit echt sei, oder ob ich anderen Menschen nur etwas vormache. Mir wurde unterstellt, dass sie antrainiert sein könnte, weil ich sie in Erzählungen mehrmals betont hatte, im Sinne von: “..weil ich halt nett bin” oder “..freundlich wie immer”
Ja, ich weiß nicht, ist sie authentisch? Wonach beurteilt man, ob eine Charaktereigenschaft echt ist? Nach jahrelangem Training wäre es schwer, sich nicht mit ihr zu identifizieren, oder?
Vor ein paar Wochen, ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit, sah ich eine ältere Lady, die nur schleppend vorankam. Sie war so angestrengt und langsam, dass sie es nur knapp in der Grünphase über die Fußgängerampel schaffte. Obwohl ich selbst im Zeitdruck war, wendete ich im nächsten Kreisel, um sie zu fragen, wo sie hinmüsse und ob ich sie mitnehmen dürfe. Als ich jedoch an der Stelle ankam, wo ich sie zuletzt gesehen hatte, war sie weg. Ich vermutete, dass sie es bis zur anliegenden Bushaltestelle geschafft und der Bus sie eingesammelt hatte.
Das war definitiv kein falsches Spiel. Ich hatte sie gesehen, erkannte ihren Nachteil gegenüber den anderen und wollte helfen. Mein einziger Wunsch in diesem Augenblick war es, dieser Dame behilflich zu sein. Das war echt, authentisch, menschlich.
Was hat sich verändert?
Manchmal fühle ich mich überlastet, obwohl ich kein Problem erkenne. Es geschieht in alltäglichen Situationen und fühlt sich an, als würde ich alle Eindrücke einzeln wahrnehmen, die ich normalerweise in meinem ununterbrochenen Multitasking nur nebenher erlebe. Jede WhatsApp-Nachricht stößt zig Gedanken an und schwirrt in meinem Kopf herum. Situationen, die suboptimal gelaufen sind, zerdenke ich noch Stunden oder Tage später. Ich versuche voranzukommen, Dinge zu erledigen und gleichzeitig noch meine für mich unbegreiflichen Körperempfindungen zu deuten. Und das alles gleichzeitig.
Normalerweise interessiere ich mich nicht sonderlich für WhatsApp und tippe da mal schnell eine Antwort. Außerdem zerdenke ich zwar gerne mal eine vergangene Situation, aber meist wird meine Aufmerksamkeit dann schnell wieder auf etwas anderes gelenkt. Nur das mit den Körperempfindungen, habe ich generell nicht so gut drauf. Ich glaube, oft esse ich, obwohl ich gar keinen Hunger habe, weil ein undefinierbares Gefühl in mir brodelt oder Langeweile und Unruhe aufkommt. Ach ja, und trinken tue ich ohnehin nur, um mit Ach und Krach die empfohlenen Mengen zu erreichen. Würde ich nur trinken, wenn ich Durst verspüre, würde ich innerhalb einer Woche austrocknen.
Geizig oder unflexibel?
“Freundlich wie ich bin” (Vorsicht: Anspielung auf vorherige Textstelle), habe ich meiner besten Freundin und ihrem Freund nach dem Training Eis mitgebracht. Ich wollte nicht, dass sie mir Geld dafür geben, weil ich ohnehin den Rest vom Mittagessen für mich beanspruchen wollte, und beides zusammen hätte ich unverschämt gefunden. Also saß ich im Auto im Drive-in und überlegte hin und her, wie ich das nun in meine wohlstrukturierte Finanzplanung integriere. Ich teile mein Geld für Nahrungsmittel monatlich auf Wochen und Tage auf, und da der heutige Bedarf schon aufgebraucht war, hatte ich keinen Spielraum mehr.
Es fiel mir nicht schwer, meiner Freundin etwas Gutes zu tun, es fiel mir schwer, meine durchdachten Strukturen zu übergehen.
Im vergangenen Jahr hatte ich mir vorgenommen, meinen “Geiz” zu überwinden. Ich wollte den Menschen, die mir schon so viel gegeben hatten, das endlich zurückgeben und meine Besitzansprüche zurückschrauben. Der Gamechanger war hier, dass mir zu dieser Zeit ohnehin jeglicher Überblick über meine Finanzen fehlte und es mir dementsprechend äußerst leicht fiel, unvorhergesehene Veränderungen auf meinem Konto oder in meiner Brieftasche in Kauf zu nehmen.
Es ist doch erstaunlich, wie sehr so eine “Kleinigkeit” einen Menschen unter Druck setzen kann, oder? Aber sobald keine meiner selbsterschaffenen Regeln gebrochen wird, bin ich ganz entspannt und kann dankend auf wiederholende Aufrechnungen in meinem Kopf verzichten.
Was ist das nur mit diesem Smalltalk?
Als ich letztens gerade die Umkleide verlassen wollte, um mit meinem Training zu beginnen, kam mir eine Trainerin entgegen und begrüßte mich sehr freundlich. Es war so eine Begrüßung, die Spielraum für eine Unterhaltung bot – soweit verstand ich noch. Also nahm ich meine Kopfhörer raus und auf einmal steckte ich im allerfeinsten Smalltalk.
Ich glaube, wir hatten das Thema schon. Mir fehlt es an jeglicher Kompetenz und an Verständnis dafür. Ich verstehe.. nein, eigentlich verstehe ich nicht, warum man das so macht. Und doch lasse ich mich da immer wieder ganz automatisch drin verwickeln. Ich wüsste aber auch offen gesagt nicht, was ich sonst tun sollte. Mit niemandem mehr reden ist ja auch keine Option, oder?
Das Erstaunliche ist, dass ich meist überhaupt nicht weiß, was ich oder die anderen da reden. Und dieses Mal geht es nicht darum, dass es mich schlicht nicht interessiert, sondern dass ich es überhaupt nicht aufnehmen kann. Ich bin mit so vielen Reizen beschäftigt, die ich irgendwie verarbeiten muss, dass der Inhalt überhaupt keinen Platz findet.
Mir ist schon oft aufgefallen, dass ich mir vor allem den Namen nach dem ersten Händeschütteln niemals merke. Irgendwann habe ich mir sogar schon angewöhnt zu sagen, dass ich vermutlich nochmal fragen werde. Ich bin so darauf fokussiert, meinen eigenen Namen und eine halbwegs anständige Begrüßung hinzulegen, dass ich für alles Weitere gar nicht aufnahmefähig bin.
Vor mehreren Wochen hat sich eine für mich außerordentlich unangenehme Situation mit dem Besuch meiner besten Freundin im Hausflur ergeben. Sie kamen gerade die Treppe hoch, als ich durch die Haustür kam. Ich sagte freundlich „Hallo.“ und machte Platz, weil sie etwas hinauszutragen schienen. Ich wurde gefragt, ob bei mir alles gut sei. Ich sagte “Ja, sicher!” so wie immer. Und dann ging das Dilemma los. Nicht nur, dass ich vergessen hatte, diese Frage zu erwidern, und erwartungsvoll angeschaut wurde, nein, man wollte mich irgendwie unbedingt noch körperlich begrüßen. Ich habe gekonnt einen freundschaftlichen Handschlag als Händedruck fehlinterpretiert und daraufhin noch einen Fingersalat mit Person Nummer 2 fabriziert. Ich wusste nicht, dass das Einhaken der kleinen Finger eine anerkannte Begrüßung ist!

