19/11/2025

Wie wärs mit weiblichem Autismus?

Mal ein ganz neuer Ansatz

Seit einer Woche vermeide ich jeglichen menschlichen Kontakt, ob per Messenger, Telefon oder persönlich. Ich versuche, nicht darauf zu achten, was die Menschen über mich denken, ob sie mich anschauen oder mich mögen. Es fühlt sich an, als bräuchte ich gerade alle Kraft, um am Leben zu bleiben. Ich habe es heute recht treffend an meine beste Freundin formuliert: „[…] Es fühlt sich an, als würde mein ganzes Konstrukt, was ich mir aufgebaut habe, über mir zusammenbrechen, als würde alles, was ich niemals zulasse, seinen Ausweg suchen, auch all das, was ich nicht mehr erinnere, und das fühlt sich richtig schlimm an, weißt du?“

Ich bin verschiedene Persönlichkeitsstörungen durchgegangen, die Merkmale vertreten, die auf meine Person zutreffen: die Depression mit ihrer Dunkelheit und Sinnlosigkeit, der Narzissmus mit seiner Ambivalenz und dem Spiel zwischen Grandiosität und Depression und zu guter Letzt, und eigentlich damals meine erste Vermutung, die bipolare Störung. Ich glaube, dazu brauche ich nicht viel zu sagen, oder? Hohe, unbremsbare Euphorie und niederschmetternde, verschluckende Tiefen. 

Aber warum scheint eine Diagnose so wichtig?

Ich kann es nur mutmaßen und der Grund besteht sicherlich aus mehreren Aspekten. Identifikation und Zugehörigkeit fallen mir als Erstes ein. Denn, wenn wir uns selbst in eine bestimmte Schublade stecken oder stecken lassen, dann finden wir uns dort mit vielen weiteren Menschen, die sich in derselben befinden. Damit gehören wir irgendwo dazu, und wenn wir der richtigen Schublade zugeordnet wurden (was bei einer Diagnose stark hoffen lässt), dann können wir auch ganz authentisch und unbeschwert wir selbst sein.

Wenn alles schön läuft, dann ist dieser Bereich auch schon ausgiebig erforscht und somit stehen viele Ratgeber und Hilfen zur Verfügung. Vielleicht lernt man so nicht nur, wie Leben mit Einschränkung sein darf, sondern auch sich selbst noch viel intensiver kennen. Dafür braucht es aber vermutlich den Willen, sich selbst überhaupt zu erforschen. Je nach Diagnose, wahrscheinlich unterschiedlich ; )

Eigentlich am plausibelsten

Als ich erfuhr, dass Autismus vermehrt in unserer Familie diagnostiziert ist, hatte ich zum ersten Mal meine eigenen Tendenzen zum Autismus geprüft. Allerdings bin ich immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass ich dort nicht hineinpasse. Ich bin zu wenig, so wie man sich einen Autisten vorstellt.

Heute Morgen stand ich vor dem Spiegel, putzte meine Zähne und beobachtete, wie die Zahnbürste durch meinen Mund wanderte. Ich schaute in meine eigenen Augen und erfreute mich an dem strahlenden Blau und den geschwungenen Wimpern. Ich dachte daran, was für ein hohes Attraktivitätslevel Zähne für mich haben. Ich mag besondere Zähne – weiße, etwas schiefe Zähne. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sich die Lippen eines meiner Exfreunde bewegten, wenn er redete. Er lispelte minimal und ich fand das so süß. Er hatte schöne Lippen, und besondere Zähne. Irgendwie sorgten diese und die Art der Bewegung seiner Zunge beim Sprechen für dieses leichte Lispeln. Ich habe es vor ein paar Tagen bei einem deutschen Schauspieler wiederentdeckt. Ich konnte meinen Blick kaum von seinen Lippen abwenden. 

Neurotypische Menschen schauen normalerweise in die Augen (natürlich auch einige mehr, einige weniger), wenn sie mit ihrem Gegenüber sprechen. Autisten schauen auf den Mund. Ist es nur ein Klischee oder ein konkretes Erkennungsmerkmal? In Bezug auf meinen ausführlichen Bericht über die Lippen meines Exfreundes muss ich wohl nicht genauer auf meine Präferenz eingehen. 

Also begann ich erneut, mich des Themas anzunehmen, und wurde auf ein Buch über den versteckten und maskierten Autismus aufmerksam. 

Alles eine einzige Maske

In der Nachricht an meine Freundin habe ich es ja eigentlich schon selbst gesagt: „mein Konstrukt, was ich mir aufgebaut habe“ und „alles, was ich niemals zulasse“. Vielleicht ist das alles, was ich jeden Tag lebe, eine erlernte Maskierung. Und sie funktioniert doch wunderbar, oder?

Ich komme von außen betrachtet wunderbar zurecht in diesem Leben. Ich bin glücklich. Ich mache mich selbst glücklich. Ich richte mir meine Lebensumstände so ein, dass ich glücklich sein kann. Ich bin äußerst fähig und habe hohe Kompetenz in den Dingen, die ich tue. Ich habe eine eigene Wohnung, die immer ordentlich und sauber ist. Ich koche, gehe zum Sport, lese Sachbücher, habe ein Auto und einen sehr vernünftigen und organisierten Umgang mit Geld. Wenn ich auf Menschen treffe, bin ich freundlich und zuvorkommend, eloquent und aufgeschlossen. Nicht selten muss ich vor Freude einfach loslachen, egal wo ich bin und ob in Begleitung oder alleine.

Das klingt doch nach einem erfüllten Leben, oder nicht?

ABER: Was ist, wenn das alles nur eine Maske ist? Wenn ich das gelernt habe, um zu überleben. Wer bin ich, wenn ich das alles einfach mal beiseitelassen würde? Vermutlich ist das gar nicht so einfach! Ich habe in meiner Kindheit gelernt, mich bis ans Äußerste anzupassen. Ich durfte niemals ich selbst sein. Wenn diese Struktur noch immer in meinem Unterbewusstsein schlummert, dann wäre es doch nur allzu plausibel, dass ich mich fantastisch in dieses System einfügen kann.

Wenn ich die Kopfschmerzen und Migräne, die ich seit Kindesalter mit mir herumschleppe, mit dem Druck, der durch die dauerhafte Anpassung entsteht, assoziiere, dann scheint es kein Wunder zu sein, dass ich die Schmerzen auch als Erwachsene noch habe. Auch wenn mein Umfeld sich geändert hat, ist das Muster noch dasselbe. Ich versuche stets, irgendwo hineinzupassen, wo ich nicht hingehöre.


Schau gerne weiter :)