20.11.2025
Langsam fange ich an, mich zu fragen, wer ich überhaupt bin und wie ich bin, wie ich mich verhalte, was ich denke. Was sind meine Charaktereigenschaften, meine Werte und meine Fähigkeiten?
Wissen andere Menschen so etwas über sich? Ich dachte offen gesagt immer, ich wäre wunderbar selbstreflektiert und analytisch, wenn es um meine Person geht. Erschütternd und peinlich, festzustellen, dass dies scheinbar nicht ausreichend ist, um sich selbst zu kennen. Doch wenn ich mir selbst unbekannt bin, wie kann ich dann erwarten, von anderen Menschen gekannt zu werden?
Das bringt mich zu der Frage, die ich mir schon oft gestellt habe: „Kennt mich überhaupt irgendjemand?“ Aber da gehe ich ein anderes Mal drauf ein.
Auf dem Prüfstand
Vielleicht sind mein Kontrollverhalten und meine Zwänge ein Teil des repetitiven Verhaltens. Und dass ich mit Veränderungen nicht gut umgehen kann, ist nun mal Fakt. Wenn das Eis, welches ich immer bestelle, ausverkauft ist, dann bin ich einem Zusammenbruch nahe, denn ich bin ja genau dafür in genau diese mir bekannte Eisdiele gefahren. Ich probiere sehr selten neue Sachen aus und fahre lange Strecken, um den Döner zu holen, den ich kenne und mag. Mir sind die Menschen bekannt, die Preise, der Bestellvorgang, was mich erwartet und worauf ich achten muss.
Ich erkenne mich durchaus in einigen stereotypischen Symptomen des Autismus, aber dann gibt es da auch viele, die sich bei mir überhaupt nicht äußern. Denn ich bin sehr aufgeschlossen und freundlich gegenüber Menschen. Ich würde sogar behaupten, dass ich ihnen in die Augen schauen und Gefühle erkennen kann. Auch nehme ich nicht jeden Aspekt einzeln wahr und muss diese erst zusammensetzen. Außerdem kann ich wunderbar den Weg zum Ziel in kleinere Teilabschnitte bringen und das große Ganze überblicken..
Auf der anderen Seite ist mir eingefallen, dass ich schon in der Schule begeistert war von Mathematik und Grammatik. Könnte das etwas damit zu tun haben, dass es Regeln sind und keine Improvisation erfordern wie im Deutsch- oder Kunstunterricht? Auch wenn ich hervorragend zeichnen kann, zeichne ich lediglich ab und bringe keine abstrakten Formen oder inneren Bilder aufs Papier. Ich befolge einfach Regeln und Strukturen.
07.12.2025
Wenn ich so übers Masking nachdenke, denke ich immer wieder: „Wie soll ich das bloß erkennen, dass ich maskiere? Denn selbst, wenn mir bewusst wäre, dass ich maskiere, könnte ich es schließlich nicht einfach ablegen.“ Wenn ich einen Fragebogen ausfülle, dann denke ich: „Wenn ich das jetzt beantworte, kommt wie jedes Mal heraus, dass ich eben kein Autist bin, denn ich habe gelernt, dies zu verbergen.“ Ein Teufelskreis oder eher noch, eine aussichtslose Situation. Wie soll ich diese jahrelang und bis zur Perfektion ausgefeilte Maske absetzen?
„Und was wäre, wenn du es nicht könntest?“
10.12.2025
Heute scheint alles ein wenig anders zu sein. Ich frage mich, woran man erkennt, dass man wirklich autistisch ist und einem das Gehirn nicht nur einen Streich spielt, weil man sich so sehr mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, dass es auf der Suche nach Identifikation beschließt, autistisch zu handeln.
Zuerst wollte ich heute meine Oma anrufen. Es fiel mir unglaublich schwer, mich zu überwinden, weil ich Angst hatte, dass sie mir Vorwürfe machen würde oder schlecht gelaunt ist, dass sie mich ewig vollquatscht und ich nicht aus dem Gespräch flüchten kann, oder ich nicht weiß, was ich sagen soll..
Später dann beim Bäcker stand ich ca. 10 Minuten nervös in der Schlange, bevor ich dran kam. Als ich bestellt habe, hab’ ich mit einer so hohen und feinen Stimme gesprochen, wie selten. Das kenne ich schon von mir, aber irgendwie war diese Stimme noch vorsichtiger, so als hätte ich keine Berechtigung, mir genauso wie alle anderen Menschen in diesem Laden etwas zu bestellen. Als wäre ich den anderen nicht ebenbürtig und müsste bewusst angepasster und freundlicher sein, um mein Brötchen zu bekommen. Zudem wollte ich keine Umstände machen und die anderen in der Schlange durch meine Extrawünsche nicht verärgern. Auch den Mann hinter der Theke wollte ich nicht überfordern oder stressen.
Als ich meine Bestellung aufgegeben und bezahlt hatte, ging ich einen Schritt zur Seite und wartete dort geduldig. Ich rieb mir vor Anspannung die Hände, also mit der einen Hand den Handrücken und die Knöchel der anderen. Ich hatte das Gefühl, die Aufmerksamkeit und der Ärger aller Leute in der Schlange lägen allein auf mir.
Mir kommen die Tränen, wenn ich das schreibe. Das Schlangestehen, die anderen zu hören, meine Bestellung zu tätigen und das Warten waren noch nie so anstrengend für mich. Jetzt sitze ich hier in der Ecke, mein Brötchen vor mir, mit Kopfhörern in den Ohren, und höre lautstark und geräuschunterdrückend meine Lieblingssongs auf Spotify.
