21/12/2025

Das erschütternde Selbsteingeständnis

Eigentlich war es noch zu früh fürs Gym, aber da Sonntag war, dachte ich, dass es abends vielleicht nicht so stark besucht ist. Falsch gedacht, es war voll. Ich habe natürlich keinen Kabelturm abbekommen. Das bin ich schon gewohnt, aber dass auch alle anderen Geräte, auf die ich hätte ausweichen können, besetzt sind, hat mich in eine unangenehme Lage gebracht.

Ich musste mir etwas überlegen und fügte eine neue, bei mir unbeliebte Übung zu meinem Trainingsplan hinzu. Als ich diese durchgestanden hatte und immer noch kein Kabelturm frei war, ich die Treppen erneut hinunterging, um die anderen Geräte zu checken, und auch diese immer noch besetzt waren, hätte ich weinen können. 

Mir wurde warm, und ich ging kurz in eine unbelebte Ecke, atmete durch, zog mein Shirt aus und schlenderte dann voller Selbstbewusstsein zu den Türmen und fragte einen kleinen Typen, ob wir uns abwechseln könnten. Der Typ war wirklich freundlich und Gott sei Dank musste ich nicht viel mit ihm reden. Mein restliches Training habe ich dann etwas weniger holprig durchführen können. Zwischendurch habe ich noch einer etwas hilflosen Mutti an der Beinbeuger-Maschine geholfen und bin dann nach 50 Minuten Training wieder abgehauen. Ich war auf jeden Fall genervt und irgendwie.. emotional.

Als ich ganz entspannt meine Hyperextension  machte und gegenüber einen meiner heimlichen Gymcrushes bei seinen Liegestützen beobachtete, seine wirklich hübschen, großen Hände registrierte und nach einem sehr kurzen Blickkontakt nervös wegschaute, kam mir folgender erschütternder Gedanke: Wie soll ein autistischer Mensch bloß jemanden in freier Wildbahn kennenlernen, wie in diesen süßen Filmen oder Büchern?

Ich jedenfalls habe mich noch nie getraut, einen Mann einfach so anzusprechen, der mir gefällt. Obwohl.. stimmt nicht ganz!

Ich habe es schon einmal versucht, weil ich mich so doll in meinen damaligen Gymcrush verliebt hatte, dass ihm über Monate meine ungeteilte Aufmerksamkeit galt. Ich hatte nie auch nur ein einziges Wort mit diesem Typen gesprochen und es hat auch eine ganze Weile gedauert und seeehr viel Überwindung gekostet, ihm überhaupt mal in die Augen zu schauen, geschweige denn ihn anzulächeln. Nach Mooonaten haben wir uns dann sogar mit einem registrierenden Nicken inklusive Lächeln oder sogar mit einer gehobenen Hand begrüßt. Geredet haben wir trotzdem nie.

Ich war verrückt nach ihm, malte mir unsere Zukunft aus und schwärmte bei meiner besten Freundin Tag für Tag. Aber es hat mich auch emotional belastet, dass ich mich partout nicht überwinden konnte, in irgendeiner Weise Interesse zu demonstrieren. Anfangs habe ich mich, wie bereits erwähnt, nicht einmal getraut, ihn anzulächeln. Ich lache wirklich viel, und trotzdem habe ich es nicht geschafft, mal in seine Richtung zu lachen. Ich habe nie verstanden, warum.. Was war so schwer daran? Alle meine Freunde bestärkten mich darin. Wir sprachen wirklich oft und viel darüber, aber ich schaffte es einfach nicht. Zu diesen rituellen Begrüßungen kam es vermutlich auch nicht durch mich. Da muss er den ersten Schritt gemacht haben. Wenn man es denn überhaupt einen „ersten Schritt“ nennen kann ; ))

Irgendwann wurde mir klar, dass ich ihn ansprechen müsste, wenn ich die nächste Stage erreichen wollte. Also überlegte ich alleine und mit Freunden hin und her, was ich sagen könnte. Als ich die Worte zusammengesammelt hatte, fehlte mir natürlich immer noch der Mut.

In nicht allzu ferner Zukunft bin ich wie gewohnt mit meiner besten Freundin zum Fitnessstudio gefahren. In meiner Tasche hatte ich einen kleinen Zettel mit meinem Namen und meiner Telefonnummer. Ich bin es 100 Mal im Geiste durchgegangen und dann vor dem Studio noch 50 Mal auf- und abgelaufen. Ich wollte es so sehr, aber ich konnte nicht. Den Schmerz konnte ich aber auch nicht länger ertragen, also tat ich es. Ich stieg die Treppen hinauf, ging durchs Drehkreuz, noch eine weitere Treppe nach oben, hielt Ausschau nach meinem Traummann und lief geradewegs auf ihn zu. Er nahm etwas verwirrt seinen AirPod aus dem Ohr und schaute mich an. Als ich vor ihm stand, ratterte ich meine zusammengesammelten Worte herunter und hielt ihm meinen vorbereiteten Zettel entgegen. Er wirkte nun noch verwirrter, aber lachte und nahm den Zettel entgegen. Ich erachtete meinen Auftrag als ausgeführt, machte auf dem Absatz kehrt und rannte aus dem Gym. Es war unglaublich peinlich, aber ich hatte es geschafft!

Nach ein paar Stunden erhielt ich von ihm eine Nachricht bei WhatsApp und noch am selben Tag eine wenig charmante Abfuhr. Man sollte meinen, dass meine Welt zusammengebrochen wäre, ist sie aber nicht. Ich dachte, ich könnte nun auch mal so richtig schön im Liebeskummer versinken, aber das war keineswegs der Fall. Am Tag darauf hatte ich ihn schon wieder vergessen und ging schließlich einfach zu einer anderen Uhrzeit ins Gym.

Ich muss selbst lachen, während ich das schreibe, weil es so absurd klingt, dass ich scheinbar wirklich dachte, in diesen Typen verliebt gewesen zu sein. 

Als ich wieder zuhause angekommen war, saß ich noch kurz in meinem Auto und hatte Tränen in den Augen bei meinen Gedanken. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mir das jemals leichtfallen würde. Immer wieder denke ich: Ach komm, sag ihm einfach nur, dass er schöne Arme hat, und dann dreh dich um und geh wieder. Aber ich kann es halt einfach nicht…


Schau gerne weiter :)