In meinem Artikel “Wer bin ich (ohne Maskierung)?” versprach ich, gesondert auf die Frage “Kennt mich überhaupt irgendjemand?” einzugehen, und diese Zeit ist jetzt gekommen.
Kurz nach dem Jahreswechsel fand ich in einem alten Notizheft Listen, die ich in meiner Jugend geschrieben hatte. Dort waren Charaktereigenschaften aufgeführt, mit denen ich mich zu der damaligen Zeit identifizierte, aber auch jede, die ich noch erlernen wollte. Auf diesen Seiten stand meine Identität, so wie ich war und wie ich plante zu sein.
Und das sind nicht die einzigen und letzten Listen geblieben, denn erst vor ein paar Monaten erwischte ich mich bei einer neuen. Sie entstand nach einem intensiven Gespräch mit einer Freundin über die Unterschiede unserer Persönlichkeiten. Als wir darüber sprachen, war es, als würde mir mein Gegenüber dabei helfen, mich selbst zu definieren. Es schien egal zu sein, ob es meiner wahren Identität entsprach oder nur ihrem Bild davon.
Ich fühlte mich immer sicher, wenn ich diese Dinge aufschrieb. Das ist doch verrückt, denn wenn ich einfach wäre, wer und wie ich wirklich bin, dann müsste ich es doch gar nicht aufschreiben. Ganz so, als bräuchte ich diese Notizen, um mir immer sicher zu sein, dass ich mal eben meine wichtigsten Eigenschaften nachschlagen könnte, für den Fall, dass ich mal nicht mehr weiß, wer ich bin, gerne wäre oder vorgebe zu sein.
Wenn man dann noch davon ausgeht, dass ich diese Maske jedem präsentiere, weil ich schon lange verlernt habe, wie es ohne ist, dann würde das bedeuten, dass natürlich auch kein anderer weiß, was sich dahinter verbirgt. Also wäre die einzig logische Antwort auf die obige Frage: NEIN, niemand kennt mich!
Ich kenne mich ja selbst kaum. Auch wenn ich mich aktuell auf einem interessanten Weg zu mir selbst befinde, war meine Ausgangssituation die absolute Unkenntnis meiner eigenen Person und Identität. Wo war diese aber hin? Sie kann doch nicht einfach weg gewesen sein. Vermutlich war sie immer da und hat sich auch zeitweise gezeigt, wenn ich nicht stark genug war, um meine Deckung zu wahren. Aber dann habe ich sie nicht als die Wahre gesehen, sondern als Schwäche.
Ich habe niemandem gezeigt, wer ich bin, denn ich wusste doch überhaupt nicht wie. Ich dachte vermutlich, dass ich den Menschen permanent offen und herzlich, wie ich bin, meine Persönlichkeit auf einem Silbertablett serviere. Aber jetzt frage ich mich: “Bin ich denn überhaupt offen und herzlich? Wie kann ich sicher sein, dass es nicht nur eine erlernte Eigenschaft ist, weil sie gesellschaftlich zuverlässig funktioniert?”
Ich meine, dass ich schon des Öfteren gesagt habe, ich sei ein offenes Buch, und mir dies auch bestätigt wurde. Außerdem erinnere ich mich an zahlreiche Gespräche, in denen ich sachte und mal mehr, mal weniger gekonnt verdeckt um Bestätigung meiner antrainierten Persönlichkeitsmerkmale bat. Ich musste eben immer wieder mal antesten, ob ich meine Rolle überzeugend spielte.
UNBEWUSST, das ist vielleicht an der Stelle noch einmal wichtig zu erwähnen. Damals war mir das alles nicht bewusst. Wenn ich es jetzt im Nachhinein mit meinem neuen Wissen analysiere, dann erkenne ich die Hintergründe, aber noch vor kurzer Zeit lief das alles unbewusst ab.
Ich war immer wieder enttäuscht, dass mich keiner so wirklich zu kennen schien. Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, woran es liegen könnte. Ob sich die Menschen einfach nur nicht für mich interessierten oder ob ich mich ihnen einfach nicht offenbarte. Aber ich war doch ein “offenes Buch” und eine Plapper-Tasche dazu, also konnte es doch gar nicht so schwierig sein, mich zu lesen und zu erkennen. Ich fühlte mich selten verstanden, egal wie viele Fakten ich auf den Tisch legte. Ich hatte beinahe nie das Gefühl, dass mich meine Umwelt einschätzen konnte, geschweige denn mir ansah, was ich wirklich benötigte.
Ich muss meine Rolle hervorragend gespielt haben. Wie es scheint, hat es keiner geahnt, keiner hat hindurchgeschaut und MICH erkennen können!
