Menschen? Die anderen? Die Gesellschaft? Die Menschheit?
Meinst du die Artgenossen hier um mich herum? Jaa, ich weiß, dass sie existieren, und ich genieße von Zeit zu Zeit auch ihre Aufmerksamkeit, aber so richtig interessieren tun sie mich nicht.
Das klingt hart, oder? Ich habe auch eine ganze Weile gebraucht, um mir das einzugestehen. Da mit der Couch-Diagnose „Narzissmus“ gerne um sich geworfen wird, könnte man auch mich jetzt nach dieser Aussage in diesen überkochenden Topf schmeißen, oder? Ich habe das auch schon in Betracht gezogen und ich werde es zum aktuellen Zeitpunkt auch nicht komplett von mir weisen, aber vorerst möchte ich auf die Aspekte eingehen, die mir dazu einfallen:
Ich stelle in jüngster Zeit vermehrt fest, dass es mir schwerer fällt, Interesse zu heucheln, als zuvor. Wovor? Bevor ich mich selbst auf die Probe gestellt habe mit dem Satz: “Was wäre, wenn ich es nicht könnte?”
Fakten auf den Tisch
Menschen interessieren mich einfach nicht. Natürlich liebe ich meine Freunde und weitestgehend auch meine Familie, aber mir würde im Traum nicht einfallen, sie einfach so mal anzurufen und zu fragen, wie es ihnen geht.. Ja, das frage ich eigentlich ohnehin äußerst selten. Dazu sollte ich vielleicht ergänzen, dass es selbstverständlich in meinem Interesse ist, dass es allen gut geht, aber dafür muss ich doch nicht fragen, oder?
Wenn meine Freunde nicht gerade um mich herumstromern, dann habe ich oft keinen Kontakt mit ihnen. Ich antworte verspätet und knapp auf Nachrichten im Messenger, und Anrufen versuche ich weitestgehend auszuweichen. Wenn ich doch mal mit einem Freund oder einer Freundin telefoniere, dann zehrt das enorm viel Kraft. Ich liebe es, alleine zu sein. Ich liebe es, einfach mein Ding zu machen und nichts hören, niemanden grüßen und auf nichts Rücksicht nehmen zu müssen.
Aaaaaaber.. da kommt das große ABER, denn gelegentlich genieße ich auch die Aufmerksamkeit anderer.
Heute im Gym war ich vollkommen auf mich selbst fokussiert. Ich ziehe mein Training in letzter Zeit wirklich sehr diszipliniert durch und bin extrem stolz auf meine Kontinuität. Ich habe mich von nichts und niemandem ablenken lassen. Doch dann ging ich Richtung Ausgang und sah, dass dort dieser eine Trainer steht, der immer sehr freundlich zu mir ist. Ich will nichts von dem, aber mir ist auch wichtig, nett zu ihm zu sein, weil er auch immer nett zu mir ist. Also mache ich extra meine Kopfhörer aus und verlasse damit meinen sicheren Kokon. Ich sage lächelnd Tschüss und renne schnell raus, um einem Gespräch zu entweichen.
Wie kann es sein, dass ich absolut keine Lust habe, mich mit diesem Menschen zu unterhalten, aber es mir so unglaublich wichtig ist, freundlich auf ihn zu wirken? Es könnte mir scheißegal sein. Es wäre absolut irrelevant, denn ich werde mich ohnehin niemals freiwillig mit ihm unterhalten oder ihn näher kennenlernen oder irgendetwas in dieser Richtung. Er wird auch keinen Aushang im Gym machen mit einem Foto von mir und darunter schriftlich über mich herziehen. Also wooooovor habe ich Angst oder was will ich damit erreichen?
Wieso mache ich mir solche Gedanken darüber, was andere Menschen über mich denken, obwohl sie mich einen Scheiß interessieren? Das ist doch paradox.
Ein anschauliches Beispiel
Ich war heute bei einem kleinen Weihnachtsessen mit dem Team meiner Arbeit. Wir sind nur vier Leute plus Chef, also eigentlich ganz entspannt. Es war aber nicht entspannt. Ich bin danach mit Migräne zuhause angekommen. Es war wirklich total blöd. Ich hatte vorher schon überlegt, ob ich mich einfach davor drücke, aber ich hatte bereits passende Kleidung herausgesucht und meine Haare gemacht. So gesehen, hatte ich schon die ersten Hürden überwunden, also raffte ich mich auf und fuhr da hin.
Wir waren in einem Restaurant, wo ich noch nie war und niemals hingehen würde, denn die hatten überhaupt und absolut gar nichts, was ich mag. Ich habe dann Lachs genommen, damit ich wenigstens nichts überdurchschnittlich Kalorienhaltiges essen musste und meine Proteine für den Tag ein wenig pushen konnte. Hat nicht geschmeckt. Wer macht Tomatensoße zu Lachs?
Ich kam zu spät und saß ganz außen. Damit habe ich grundsätzlich überhaupt keinen Stress, aber demnach gestaltete sich das Einbringen in die Gruppe noch schwerer. Hätte ich irgendwo im Gewusel gesessen, wäre ich automatisch Teil der Gespräche gewesen, und wenn nicht, wäre es vermutlich niemandem aufgefallen. Aber so wurde ich immer wieder gefragt, ob alles in Ordnung sei. Als mir dann auch noch gesagt wurde, ich solle doch einfach mal lachen, kündigte ich fluchtartig meine Abfahrt an.
“Lach doch mal, Elli!” Neeee, will nicht! Worüber soll ich lachen? Über eure tollen Geschichten über irgendwelche überteuerten Skiurlaube, die ihr mit euren großen, glücklichen Familien macht? Das interessiert mich einen Scheißdreck.
Einer meiner Lieblingskollegen neben mir, hat mir gesondert vom Gruppengespräch immer wieder kleine persönliche Anekdoten erzählt und ich tat äußerst amüsiert. Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen soll. Er saß direkt neben mir und ich hätte es komisch gefunden, ihm so in die Augen zu starren. Überhaupt wusste ich die ganze Zeit nicht, wohin mit meinem Blick. Also hab’ ich oft einfach an der mir gegenübersitzenden Kollegin vorbei aus dem Fenster geschaut. Ich glaube, ich sah sehr unglücklich aus. Ich war ja auch unglücklich. Aber ich hatte das Gefühl, ich müsste vorgeben, es wäre nicht so. Ich hätte mir gewünscht, dass ich mich schon viel früher getraut hätte, zu gehen, und so die immer schlimmer werdenden Kopfschmerzen und deprimierenden Gespräche zu vermeiden.
Wir hatten zu Beginn des Treffens von unserem Chef noch jeder als Geschenkt verpackte Pralinen ausgehändigt bekommen. Pralinen, toll.. Warum auch immer sich die anderen so überschwänglich bedankt haben.. Ich will keine Pralinen, was soll ich damit? Die schmecken in 9 von 10 Fällen scheiße und ich bin im Defizit. Ich hätte mich mehr über einen einfachen Proteinriegel von Edeka gefreut.
Als wir auf unser Essen warteten, habe ich einfach mal das Geschenkband und -papier abgefummelt, um mir die Leckereien genauer anschauen zu können. Schlagartig kassierte ich mehrere entsetzte Blicke. Wieso genau durfte ich mein Geschenk jetzt nicht auspacken?
Ich war so heilfroh, als ich wieder in meinem Auto saß, und bin so schnell wie der Wind abgedüst, damit ja keiner mehr ein Gespräch mit mir anfangen, geschweige denn mich für mein unmanierliches Verhalten maßregeln konnte. Grauenhaft!
